GEGENARGUMENTE

Busek und der Rinderwahnsinn in Europa

Replik auf einen Pressekommentar von Erhard Busek vom 18.1.2001

Wenn in der von den europäischen Staaten gesetzlich eingerichteten Marktwirtschaft große Teile der Bevölkerung Gefahr laufen, sich am Markt gesundheitsgefährdende Lebensmittel zu kaufen, ist für den Ex-Politiker Busek klar, die hochgepriesene Marktwirtschaft kann nie und nimmer der Grund dafür sein. Diese parteiliche Sichtweise bringt notgedrungen Erklärungen für die BSE-Krise hervor, die keiner intellektuellen Überprüfung standhalten:

"Nur ansatzweise wird das eigentliche Problem diskutiert, das .... in einer allgemeinen Einstellung liegt, die ein Symbol der auf den Kopf gestellten Prioritäten unseres Lebens ist. Um es ganz praktisch zu sagen: Wir sind daran gewöhnt, daß Lebensmittel billig sein müssen und noch billiger werden. .... Vielleicht sollten wir doch bereit sein, für das tägliche Leben mehr auszugeben als für ein größeres Auto oder die nächste Urlaubsreise."(Presse, 18.1.2001)

Für Busek sind die Konsumenten mit ihren "auf den Kopf gestellten Prioritäten" der Grund für die BSE-Krise. Er tut so, als ob die Leute angesichts der Alternative von bekömmlichen, aber teuren und billigen, dafür gesundheitsschädlichen Lebensmitteln, dumm wie sie nun einmal sind, sich immer für letztere entscheiden würden. Und das nur, weil sie unbedingt auf Urlaub fahren wollen. Auf keinem Lebensmittel steht schließlich "Achtung giftig" drauf. Und den Vorwurf, die Leute würden glatt den Preis als Entscheidungskriterium heranziehen, kann nur jemand erheben, dem selbstverständlich ist, daß in einer Marktwirtschaft auch solche Waren auf den Markt kommen, welche die Gesundheit der Bevölkerung irreversibel schädigen. Was sonst soll der wenig hilfreiche Hinweis, nicht nur auf den Preis zu achten. Außerdem, seit wann garantiert die Bezahlung eines höheren Preises auch schon eine bessere Qualität?

Daß jede Produktion in einer Marktwirtschaft auch die von Lebensmitteln nur erfolgt, um über den Verkauf der Produkte an das Geld der Konsumenten zu kommen, verträgt sich offenbar nicht mit dem Interesse der Konsumenten, nur Lebensmittel guter Qualität zu bekommen. Dieser Umstand ist für Busek kein Grund, die Tauglichkeit einer solchen Wirtschaftsweise für eine ordentliche Lebensmittelversorgung zu hinterfragen. Stattdessen wird ein Fehlverhalten des Konsumenten festgestellt. Ausgerechnet diese hilflose Figur, die erst auf den Plan tritt, wenn die Produktion abgeschlossen ist, macht Busek für die Produktionsresultate verantwortlich. Wenn der Kunde nicht bereit ist, durch die Bezahlung entsprechend höherer Preise den Gewinn der Landwirtschaft mit Produktion und Verkauf von qualitativ besseren Lebensmitteln zu ermöglichen, darf er sich nach Ansicht Buseks nicht wundern, wenn er BSE verseuchtes Rindfleisch und mit Antibiotika "veredeltes" Schweinefleisch bekommt.

Keinen Gedanken ist Busek auch der Umstand wert, daß die Knappheit eines durchschnittlichen Haushaltsbudgets offenbar so manche Familie dazu zwingt, wider besseres Wissen es wird schon nichts passieren auch noch bei den elementarsten Lebensmitteln wie Fleisch und sonstigen Grundnahrungsmitteln die Tugend der Sparsamkeit walten zu lassen. Als ob nicht gerade die letzte Konsolidierung des staatlichen Budgets wieder einmal so manchem Haushalt die Entscheidung für das etwas billigere Lebensmittel erleichtern würde!

Viel Verständnis hat Busek hingegen für die Sorgen und Nöte einer nach marktwirschaftlichen Gesetzen funktionierenden Landwirtschaft:

"Daher sind die Bauern verängstigt und wirtschaftlich getroffen...."(ebenda)

Wenn Bauern Rinder, Schweine, Wein usw. produzieren, tun sie dies nicht einfach in der Absicht, die Bevölkerung mit guten und bekömmlichen Lebensmitteln zu versorgen. Ihr Ziel haben sie nicht schon erreicht, wenn die Produktion beendet ist. Die produzierten Güter müssen schon noch verkauft werden und das gegen eine inzwischen auf den gesamten europäischen Markt ausgerichtete Konkurrenz. Senkung des Kostpreises ist das Gebot des Marktes, dem sich jeder Landwirt gegenüber sieht. Und diese durch die Gesetze der Marktwirtschaft erzwungene Senkung tut ja vielleicht dem ökonomischen Erfolg des einen oder anderen Bauern gut, nicht aber der Qualität der Lebensmittel für die breite Bevölkerung.

Ein Mittel zur Senkung des Kostpreises in der Landwirtschaft ist die Verwendung von Tiermehl als Futtermittel. Tiermehl ist schließlich billig. Darüber hinaus macht sich der Bauer unabhängig von der Größe des eigenen Grund und Bodens, ist er doch nicht mehr auf Gras und Heu als Futtermittel angewiesen.

Zusätzlich läßt sich durch Kraftfutter der Mastvorgang beschleunigen. Das in die Landwirtschaft vorgeschossene Kapital kehrt durch den damit möglichen früheren Verkauf des Viehs schneller wieder zum Landwirt zurück, kann schneller wieder investiert werden und vergrößert so den landwirtschaftlichen Profit. Und der Profit ist es, der den eigentlichen Erfolg nicht nur der Landwirtschaft darstellt.

Das weiß sogar Busek, wenn er die Bauern jetzt als "wirtschaftlich getroffen" darstellt. Dieses wirtschaftlich getroffen meint ja nicht, daß die Bauern jetzt unglücklich damit sind, daß durch ihre Lebensmittel die essende Bevölkerung mehr vergiftet als ernährt wird. Wirtschaftlich getroffen heißt vielmehr, daß die Bauern jetzt auf ihrem Rindfleisch, Schweinefleisch usw. sitzen bleiben und daher der erwartete Erlös ausbleibt. Busek sei zumindest teilweise beruhigt. Wie man hört kauft die EU das Rindfleisch auf, das im Moment nicht so richtig über den Ladentisch gehen will, um es einzufrieren und zu einem späteren Zeitpunkt, wenn "die Konsumenten sich wieder beruhigt haben", auf den Markt zu bringen. Eine Schädigung der Landwirtschaft kann die EU ja wirklich nicht zulassen. Man kann den Konsumenten nur "Guten Appetit" wünschen.

Man sieht, der Griff zu Tiermehl und Kraftfutter und die daraus resultierende Ungenießbarkeit der Lebensmittel ist nicht einfach eine Folge des schlechten Charakters einiger Landwirte. Auch ist sie nicht einfach Folge der menschlichen Hybris, Pflanzenfresser mit Fleisch füttern zu wollen. Der Griff zu Tiermehl und Kraftfutter verdankt sich allein der konsequenten Anwendung marktwirtschaftlicher Gesetze in der Landwirtschaft. Kurz, Marktwirtschaft verträgt sich nicht mit guten und bekömmlichen Lebensmitteln!

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